Ariane von Niepello

In Anlehnung an die Methode Lee Strasberg

Der 1901 im ehemals Österreichischen, heute polnischen Budzanow geborene Schauspieler, Lee Strasberg, setzt sich mit der Begrifflichkeit der Spezies Schauspiel auseinander. Er stellt sich die Frage, was ist eigentlich Schauspiel? Diese Frage stellt er, um sie im selben Atemzuge zu beantworten.
„Schauspiel ist die Fähigkeit, absolute Realität auf der Bühne zu erzeugen.“
Die Quintessenz der Strasberg Methode: Zielsetzung ist es, reale Emotionen, welche der Schauspieler in einer privaten Situation selbst durchlebte, in einer szenischen Situation zu erleben. Lee Strasbergs Technik ist von jedem psychisch gesunden Menschen erlernbar. Der Schauspieler entdeckt die Welt mit den Augen eines kleinen Kindes immer wieder aufs Neue. Mit dieser Neugier eines Kindes will er alles erfahren, alles erleben um sich dem Spektrum einer Bandbreite des Großen und Ganzen – des Lebens bedienen zu können. Menschliche Empfindungen wie Angst, Trauer, Wut, Freude, Liebe werden szenisch dargestellt, hierbei wird betont: “der Schauspieler tut nicht so als ob“, er durchlebt echte Gefühle – er ist wahrhaftig und authentisch auf der Bühne. Der Schauspieler spielt nicht, er lebt – ERLEBT!

s05

„Acting is the most personal of our crafts. The make-up of a human being – his physical, mental and emotional habits – influence his acting to a much greater extent than commonly recognized.“
„Warum wenden  nicht alle Schauspieler Strasbergs Version der Method Acting an?“
Nach dem ‚die Methode‘ Strasbergs internationalen Bekanntheitsgrad erlangte, wurden sogleich auch kritische Stimmen laut. Unter anderem hieß es: ‚Method Acting sei gefährlich‘ , es könnte der Fall eintreten, das Menschen welche Method Acting in ihrem Beruf praktizieren, durch die intensive Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit alte Traumata wieder erwecken. Kritiker ließen verlautbaren: Die Schauspieler, welche die Methode Strasbergs praktizieren, wären häufig nur mit sich selbst beschäftigt. Sie hätten den Sinn zur Realität, den Sinn für die Empfindungen Anderer komplett verloren. Nur das eigene selbst wäre von Interesse, sie ignorieren die Außenwelt, da diese in ihrer eignen Welt an jeglicher Bedeutung verloren hat. Sanford Meisner kritisierte: Jene Schauspieler, welche Strasbergs Methode über einen längeren Zeitraum praktizieren, wären nur mit sich selbst beschäftigt. Sie sind permanent mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt und würden dabei ihren Partner vollständig vergessen. Kritiker gaben zu verstehen, das es eine breite Masse an Schauspielern gebe, die trotz der intensiven Auseinandersetzung mit der Methode nicht zu einem produktiven Ergebnis kamen. Es gab Schauspieler, die sich stundenlang mit Sense Memory auseinandersetzten, denen es schlussendlich nicht gelungen war, die einst erlebten Emotionen erneut in sich wach zu rufen.

s10

In einer szenischen Situation agiert der Schauspieler wie eine emotional betroffene Person. Er reagiert und agiert genau so, wie er es im alltäglichen Leben ebenfalls tun würde – wahrhaftig und real. Der Schauspieler darf nicht spielen, er spielt dem Publikum nichts ‚vor‘ – der Schauspieler erlebt etwas und lässt seinen Gefühlen auf der Bühne freien Lauf. Der Zuschauer übernimmt hierbei die Funktion eines Zeugen, er ist Zeuge von der jeweiligen Situation in welcher sich der Schauspieler in einer szenischen Situation befindet. Der von Strasberg kreierte und etablierte Begriff „Sense Memory“, das emotionale Gedächtnis – die sinnliche Erinnerung, lehrt durch den Zugriff auf die eigene Erinnerung an persönliche Situationen, echte Gefühle auf der Bühne entstehen zu lassen. Strasbergs Training, bestehend aus verschiedenen Übungen, trainiert die Imaginationsfähigkeit des Schauspielers, und lässt somit seine Visionen Wirklichkeit werden. Der Schauspieler täuscht die szenische Situation der Rolle nicht vor, er durchlebt sie innerlich wirklich. Ein Kraftakt, der es dem Schauspieler abverlangt, sich mit den Grenzen, den Abgründen seiner Selbst auseinander zu setzten. Hierbei stellt sich der Schauspieler permanent ein und dieselbe Frage: „Was hat bei mir ähnliche Gefühle ausgelöst, wie bei der Rolle die es zu spielen gilt?“

s06

Die Stuhlentspannung. Diese Übung ist eine dynamische, individuell einsetzbare Muskelentspannungsmethode. Die regelmäßige Anwendung dieser Übung dient der Schaffung, der emotionalen und muskulären Entwaffnung des erwachsenen Menschen. Der Schauspieler betrachtet die Welt mit den Augen eines kleinen Kindes, um diese Betrachtungsweise nicht zu verlieren, ist es von Nöten, sich einem vollends entspannten und entwaffneten Zustand zu unterziehen. Entwaffnen bedeutet nichts anderes als sich psychisch und physisch zu entspannen – sich von Ängsten, Spannungen und Blockaden zu befreien. Bei der von Strasberg praktizierten und etablierten Stuhlentspannung handelt es sich um ein Muskelentspannungstraining.  Der Übende setzt sich aufrecht auf einen Stuhl. Bei dieser Übung werden die einzelnen Muskelpartien gezielt und effektiv entspannt, so dass Blockaden und Spannungen eliminiert werden. Der Zeitraum dieser Übung erstreckt sich von einer Dauer zwischen dreißig und fünfundvierzig Minuten. Auf sinnliche Art sucht der Übende, in dem er aufmerksam und konzentriert alle erreichbaren Muskeln durcharbeitet, nach Blockaden und Verspannungen. Die gefundenen Blockaden löst der Schauspieler auf, mit Hilfe der verschiedensten Bewegungen, dem Zwischenspiel zwischen Anspannung und Entspannung. Der Übende spannt für einen kurzen Augenblick den Muskel an, um ihn sogleich zu entspannen. Dieses Prozedere durchläuft der Übende mehrere Male. Der Schauspieler erinnert sich, während er mit der oben genannten Übung beschäftigt ist, an jene Erlebnisse die zur Verspannung geführt haben. Sie werden dem Schauspieler für einen kurzen Augenblick bewusst. In dem Moment wo ihm die Erlebnisse, die einst zur Verspannung führten bewusst werden, kommen die damals ‚eingefrorenen‘ Gefühle erneut in ihm hoch. Diese Gefühle sollen durch den Schauspieler stimmlich und emotional ausgelebt werden.

s02

Der Schauspieler parodiert die Körperhaltung, die Stimme und den Ausdruck der sich im Raum befindenden Personen. Diese Übung schult die Wahrnehmung des Schauspielers. Sie zeigt auf, wie andere Personen ihren Ausdruck, ihre Haltung und Stimme wahrnehmen. Er achtet auf die Art und Weise der Darstellung der anderen Personen und reflektiert diese. Dabei ist es ganz gleich, ob er in einer momentanen Situation, einer Trainingssituation, einer Bühnensituation oder einer privaten Situation parodiert wird. Die unten gezeigten Bilder stellen die Trainingssituation und die Art und Weise der Bewegung dar. Diese Übung trainiert das Zusammenspiel mit dem Partner, die Kommunikations- und Kritikfähigkeit, das emotionale Geben und Nehmen im Austausch mit dem Partner.

s12

„Wir glauben aber, der Schauspieler braucht einen Menschen nicht nach zu ahmen, denn er ist selbst einer und kann aus sich selbst heraus kreativ sein. (…) Nur im Theater verfügen wir über die Gefühle, die Seele, den Geist, das Gehirn und die Muskeln des Künstlers als Material der Kunst. (…) Wir glauben dass Kunst die Funktion hat dem Menschen etwas zu geben, ohne dass er weniger wäre, weniger menschlich, weniger lebendig…“ (Lee Strasberg)
Lee Strasberg kreiert verschiedene Improvisations-Übungen um eine wahrhaftige Darstellung des Schauspielers in seinem Spiel zu etablieren. Beispielsweise die „Song and Dance Improvisation“, „die Selbstkonfrontations-Übung“. Die von Strasberg kreierten Improvisationen ermöglichen es dem Schauspieler, eine freie und wahrhaftige Darstellung in seinem Spiel zu etablieren. Primär dabei ist die Tatsache, dass diese Improvisation es dem Schauspieler ermöglicht, festgefahrene Verhaltensmuster zu lösen, sich mit den unbewusst ablaufenden Prozessen der eigenen Persönlichkeit auseinander zu setzten – ohne dabei zu werten und zu bewerten. Der Übende trainiert die Fähigkeit, sich den eigenen Problematiken bewusst zu werden. Auf spielerische Art und Weise gelingt es dem Schauspieler Blockaden zu lösen, Hemmungen zu überwinden. Übungen wie: „der Salome-Tanz“, die „Ich betrete den Raum Improvisation“, „Ich verlasse den Raum Improvisation“, „die Overall Need Improvisation“, „die Overall Action Improvisation“ bieten Hilfestellungen um den Einstieg in einen unbekannten Charakter zu finden, eine Rolle auszuloten, eine wahrhaftige – authentische Bühnenpräsenz zu erlangen.

s09

Das emotionale Gedächtnis stellt das Kernstück der Methode Lee Strasbergs dar. Es ermöglicht dem Schauspieler die Identifikation mit der von ihm zu schaffenden Rolle, den Handlungen mit den unterschiedlichsten Ausdrucksformen. Der Schauspieler wird aufgefordert, durchlebte Ereignisse aus der Vergangenheit erneut zu erleben, seine Aufgabe ist es, sie wieder entstehen zu lassen. Ein umfangreiches Ausdrucksspektrum bildet die Phantasie des Schauspielers in Kombination mit der eigenen Lebenserfahrung. Somit gelingt es ihm, eine ausgewogene Bandbreite an Rollenmöglichkeiten sowie Handlungsmöglichkeiten szenisch darzustellen.

s16

Ariane von Niepello | "Bühne des Lebens"
©2016